Die Tango-Therapie

Tango als Therapie?

Tango

fotolia: #33506122 © Comugnero Silvana

 

 

 

Es geht dabei nicht um den europäischen Tango, sondern um den argentinischen Tango. Er hat sich entwickelt aus einer Sehnsucht, aus einer intensiven Begegnung von Mann und Frau. Hier gelten bestimmte Regeln, die in der Öffentlichkeit noch geduldet wurden und werden. Es ist ein Spiel, das vor einem Publikum gespielt wird.

Wie sagt der Tanzlehrer: Beim Tango gibt es keine Herren und Damen, da gibt es nur Männer und Frauen.

Und da gibt es eine klare Regel: Der Mann führt und die Frau läßt sich führen.

Und damit sind wir mitten in den Themen der  heutigen Zeit.

Ist so eine Aussage heute überhaupt noch zeitgemäß? Doch, sie ist es mehr denn je. Denn viele Menschen hatten bisher kaum die Möglichkeit einer klaren Identifikation mit ihrer eigenen Geschlechterrolle.

Welcher Mann hat gelernt zu führen? Klar, eindeutig, erkennbar, ohne Machtausübung, mit Leichtigkeit, rücksichtsvoll, im Takt, und dennoch frei und selbstbestimmt?

Und welche Frau hat gelernt sich führen zu lassen? Auf den richtigen Impuls des Mannes zu warten, zu folgen ohne wenn und aber, ohne Aufbegehren und Besserwissen?

Eine spannende Entwicklung als Paar steht all jenen bevor, die sich auf das Abenteuer des argentinischen Tangos einlassen.

Zuerst übt man in einer Grundhaltung, bei der man sich nur wenig berührt, jeder bleibt in seinem eigenen Tanzraum, behält seine eigene Achse, sein eigenes Gleichgewicht bei. Man erarbeitet sich die Grundregeln einer bestimmten Schrittfolge. Jeder lernt für sich, aber man bleibt im Kontakt. Dies ist eine Vorgehensweise, die man im Alltag selten antrifft. Da lernt jeder für sich allein, ohne den Partner im Blick zu haben. Hier jedoch lernt man für sich in der Partnerschaft.

Und es folgt die Frage nach der eigenen Identifikation mit dem Mann-sein und dem Frau-sein. Will ich das überhaupt, kann ich das und kenne ich es bisher schon? Haben mir meine Eltern oder andere nahestehende Menschen etwas Ähnliches in der Mann-Frau-Beziehung vorgelebt oder darf ich mir diesen Raum erst selbst ganz neu schaffen? Bleibe ich im Geschlechterkampf verhaftet, möchte ich Dominanz ausspielen oder mich dem anderen entziehen?

Wo sonst in unserem modernen Leben setzen wir uns mit den Themen Stolz und Hingabe auseinander?

Und da ist noch die Musik, dieser Takt, der Einfluss, der von außen kommt. Dem man sich anpassen kann, aber den man auch frei interpretieren kann. Läßt sich der Mann, der führt,  davon dirigieren oder folgt das Paar seinen Regeln, seiner Geschwindigkeit des Tanzes? Bleibt die Frau im Kontakt mit ihm und vertraut auf seine Führung? Kann sie ihm mit geschlossenen Augen folgen und lenkt er sie sicher durch die Wogen der anderen Tanzenden?

Wichtige und grundlegende eigene Muster in Bezug auf einen Partner und die eigene Rollendefinition kommen so Schicht um Schicht nach oben, dürfen sich zeigen, wahrgenommen werden und, wo nötig, auch verändert oder aufgelöst.

Ein wahrhaft therapeutischer Weg der Selbsterkenntnis und der Auseinandersetzung mit sich selbst und dem anderen Geschlecht. Eine wunderbare Herausforderung und Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln.

Viele Paare, die sich gerade in der Übergangsphase zwischen der Elternrolle und der Neudefinition als Paar befinden, wählen diesen Weg, um neu zu sich selbst und auch dem Partner zu finden.

 

 

 

 

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